Beschreibung
So gut wie jeder kennt die erste Strophe durch Beethovens Vertonung von Schillers „An die Freude“. Es ist ein Freundschaftslied, geschrieben für seine Freunde, die Heiligen Fünf: Christian Gottfried Körner, Ludwig Ferdinand Huber, Minna und Dora Stock sowie Schiller. Es wird mitunter auch als Studentenlied, Trinklied oder Weinlied bezeichnet. Doch kaum jemand kennt das ganze Lied – und weiß, daß es zwei Fassungen gibt.
Ich biete hier die ursprüngliche Fassung Schillers mit unveränderter Rechtschreibung als PDF in wohlgefälliger Aufteilung von drei Spalten, so daß es auf eine gedruckte DIN A4-Seite paßt. Er ließ es erstmals 1786 in seiner eigenen Zeitschrift Thalia drucken.
Zwei Jahre vor seiner Ermordung am 9. Mai 1805, erscheint bei dem Verleger Crusius – ein auffallend römisch-jüdischer Name – ein Gedichtband mit einer Auswahl von Schillers Gedichten. Sein Gedicht An die Freude ist auch dabei, jedoch teils bearbeitet, teils gekürzt – oder zensiert? Denn macht das Sinn, daß Schiller zwei Jahre vor seiner Ermordung sein dichterisches Herzstück für seine Freunde plötzlich grundlos ändert? Für mich nicht. Fast 20 Jahre bestand es in seiner ursprünglichen Form. Und so kurz vor seinem Tod soll er es sich anders überlegt und genau zwei Verse ändern und eine ganze Strophe streichen, ausgerechnet die letzte? Diese letzte Chorstrophe mahnt sehr verdächtig an seinen eigenen Tod, seine Ermordung:
Chor:
Eine heitre Abschiedsstunde!
süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Todtenrichters Munde!
So stellte sich Schiller wohl seinen idealen Tod vor: Umgeben von seinen Freunden, in heiterer Abschiedsstunde. Er entschlummert im süßen ewigen Schlaf. Und seine Freunde geben ihm einen sanften Spruch mit auf seine Reise zum Schöpfer (dem Totenrichter).
Außerdem wurde der Vers was der Mode Schwerd getheilt; Bettler werden Fürstenbrüder geändert in was die Mode streng getheilt; Alle Menschen werden Brüder. War die Vorstellung von Schillers Feinden unerträglich, daß aus Bettlern eines Tages fürstliche Brüder werden? Und daß die Mode scharf wie ein Schwert die Menschen in Stände geteilt hat?
Und warum ist über den „authorisierten“ Verleger Crusius von Schillers Gedichten so wenig bekannt? In der Wikipedia findet sich kein Eintrag über ihn. Im Schiller-Artikel wird er namentlich nicht einmal erwähnt, weder im deutschen, noch im englischen. Und doch behauptet der Druck von 1803 (stimmt das Jahr?), daß nur diese Ausgabe unbedingt die des „rechtmäßigen Verlegers“ ist und zieht in übelster Manier über seinen Vorgänger her, der endlich (!) verdrängt werden soll:
„Möchte diese rechtmäßige, korrekte und ausgewählte Sammlung diejenige endlich verdrängen, welche vor einigen Jahren von den Gedichten des Verfassers in drei Bänden erschienen ist, und ungeachtet eines unverzeihlich fehlerhaften Drucks und eines schmutzigen Aeußern zur Schande des guten Geschmacks und zum Schaden des rechtmäßigen Verlegers dennoch Käufer findet.“ Weimar in der Ostermesse 1803.
Für mich klingt das alles recht seltsam. Ich habe daher den Fall ausführlich auf meinem Youtube-Kanal untersucht:
Und hier findet mein geneigter Leser das ganze Gedicht in ursprünglichen Fassung vorgetragen von Maren Eggert auf dem Kanal LYRIK! #literaturforum:






