Beschreibung
Herder über Ossian und die Lieder der alten Völker: „Wißen Sie also, daß je wilder, das ist, je lebendiger, je freiwürkender ein Volk ist (denn mehr heißt dies Wort doch nicht!), desto wilder, das ist, desto lebendiger, freier, sinnlicher, lyrisch handelnder müßen auch, wenn es Lieder hat, seine Lieder seyn! Je entfernter von künstlicher, wißenschaftlicher Denkart, Sprache und Letternart das Volk ist: desto weniger müßen auch seine Lieder fürs Papier gemacht, und todte Lettern Verse seyn: vom Lyrischen, vom Lebendigen und gleichsam Tanzmäßigen des Gesanges, von lebendiger Gegenwart der Bilder, vom Zusammenhange und gleichsam Nothdrange des Inhalts, der Empfindungen, von Symmetrie der Worte, der Sylben, bei manchen sogar der Buchstaben, vom Gange der Melodie, und von hundert andern Sachen, die zur lebendigen Welt, zum Spruch- und Nationalliede gehören, und mit diesem verschwinden – davon, und davon allein hängt das Wesen, der Zweck, die ganze wunderthätige Kraft ab, die diese Lieder haben, die Entzückung, die Triebfeder, der ewige Erb- und Lustgesang des Volks zu seyn!
Wißen Sie, warum ich ein solch Gefühl theils für Lieder der Wilden, theils für Oßian insonderheit habe? Oßian zuerst, habe ich in Situationen gelesen, wo ihn die meisten, immer in bürgerlichen Geschäften, und Sitten und Vergnügen zerstreute Leser, als blos amusante, abgebrochene Lecture, kaum lesen können. Sie wißen das Abenteuer meiner Schiffahrt: Das Gefühl der Nacht ist noch in mir, da ich auf scheiterndem Schiffe, das kein Sturm und keine Fluth mehr bewegte, mit Meer bespült, und mit Mitternachtwind umschauert, Fingal las und Morgen hoffte…
Aber nie können Sie sich die Würkung einer solchen, etwas langen Schiffahrt so denken, wie man sie fühlt. Auf Einmal aus Geschäften, Tumult und Rangespoßen der Bürgerlichen Welt, aus dem Lehnstul des Gelehrten und vom weichen Sopha der Gesellschaften auf Einmal weggeworfen, ohne Zerstreuungen, Büchersäle, gelehrten und ungelehrten Zeitungen, über Einem Brette, auf ofnem allweiten Meere, in einem kleinen Staat von Menschen, die strengere Gesetze haben, als die Republik Lykurgus, mitten im Schauspiel einer ganz andern, lebenden und webenden Natur, zwischen Abgrund und Himmel schwebend, täglich mit denselben Endlosen Elementen umgeben, und dann und wann nur auf eine neue ferne Küste, auf eine neue Wolke, auf eine ideale Weltgegend merkend – nun die Lieder und Thaten der alten Skalden in der Hand, ganz die Seele damit erfüllet, an den Orten, da sie geschahen – hier die Klippen Olaus vorbei, von denen so viele Wundergeschichte lauten – dort dem Eilande gegenüber, das jene Zauberase, mit ihren vier mächtigen sternebestirnten Stieren abpflügte, »das Meer schlug, wie Platzregen, in die Lüfte empor, und wo sich, ihren schweren Pflug ziehend, die Stiere wandten, glänzten 8 Sterne vor ihrem Haupte«, über dem Sandlande hin, wo vormals Skalden und Vikinge mit Schwert und Liede auf ihren Roßen des Erdegürtels Schiffen das Meer durchwandelten, jetzt von fern die Küsten vorbei, da Fingals Taten geschahen, und Oßians Lieder Wehmut sangen, unter eben dem Weben der Luft, in der Welt, der Stille – glauben Sie, da laßen sich Skalden und Barden anders lesen, als neben dem Katheder des Professors.“
Alexander Gillies wunderbares Werk über Herders Liebe zu den Wilden Dichtungen Ossians, eines alten celtischen Barden und Kriegers aus Schottlands Hochlanden. Wertig abgelichtetes eBuch in 300 dpi mit 192 farbigen Seiten.
Alexander Gillies lebte von 1907 bis 1977 und war britischer Germanist. Er war von 1945-1972 Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Leeds und bekannt für seine Arbeit zu Goethe und zur deutschen Literatur. Der Junker und Dünnhaupt Verlag, in dem sein Werk erschien, wurde 1945 von den Alliierten verboten. So wird dieses wichtige Werk wieder ans Licht gebracht.



















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